Wenn die ÖBB durch Deutschland fährt
Arlberg-Umleiter im Allgäu
Schlaflose Nächte bescheren die Umleiterzüge so manchem allgäuer Bahnanwohner, der spätestens ab
Mitternacht seine liebe Ruhe genießen möchte. Daraus wird aber nichts: Mit gewaltigem Getöse brummt die russische Diesellok
durch die Nacht. Am Haken hat sie einen langen und schweren Zug, der am nächsten Morgen in Salzburg, Hall in Tirol oder Zürich
erwartet wird. Mit Gepolter rattern Loks und Wagen über Brücken und Bahnübergänge, der Fahrdienstleiter hat heute Nachtschicht.
Und morgen früh geht es ähnlich weiter: Nachdem die Nachtschnellzüge durch sind, rollen die nächsten Güterzüge
und bringen den Regionalverkehr völlig aus dem Fahrplankonzept. Eigentlich sind sie fürs Allgäu
nur unbequem, die Umleiter - doch mindestens genauso interessant und beeindruckend.
Da knirschen die Gleise, da quietschen die Bremsen: TC 45180 rollt am frühen Morgen
des 17.August 2005 durch die Obstplantagen hinab zum Bodensee. Zu diesem Zeitpunkt
war die Arlbergbahn wegen Bauarbeiten gesperrt.
Blick ins Oberallgäu: Mit einem kurzen Pfiff grüßte der Lokführer von 232 209 die drei Fotografen, die
bei Heimhofen die idyllische Landschaft samt TC 43190 mit der Kamera festhielten.
Wie zugeschnitten: Da TC 43184 am 18.August relativ kurz ausfiel, passte er genau in den Bildausschnitt bei Heimhofen. "Eine typisch österreichische Garnitur",
meinten einige Vorarlberger Eisenbahnfreunde nach der Vorbeifahrt - wohl weniger aufgrund der geringen
Zuglänge als vielmehr wegen der rundlichen gedeckten Wagen. Auch der LKW des österreichischen Bundesheeres ist im Allgäu
nicht gerade ein gewohnter Anblick.
Auf erneuerten Gleisen rauschen zwei Ludmillas von Leutkirch kommend auf Kißlegg zu.
Wie auf der Modellbahn: Vor der beeindruckenden Kulisse der allgäuer Landschaft und in gewittriger Atmosphäre durchfährt TC 43182
die Kurven von Harbatshofen.
Eigentlich nur ein Notschuss, doch diese qualmende Ausfahrt aus dem Bahnhof Hergatz macht einfach sprachlos. Noch Minuten später
hingen die schwarzen Schwaden in der Luft.
Bei der Kreuzung in Wangen kam wieder die Sonne hervor, und beleuchtete TC 43191, der auf die Kreuzung mit
einem RE aus Augsburg wartete.
Alles redet vom Allgäu - wir nicht. Zumindest nicht ausschließlich, denn auch die Südbahn wurde für zwei
Umleiterzugpaare genutzt. 225 150 hatte den TC 43186 am 19.August unter bedrohlichen Gewitterwolken bei Aulendorf südwärts am Haken.
Mit diesem Bild sollten die Arlberg-Umleiter des Sommers 2005 ein Ende haben...
...Doch es kam anders. Nur eine Woche lang liefen die Güterzüge wieder über den Arlberg, da
suchten heftige Regenfälle den nördlichen Alpenraum heim. Dabei wurde unter anderem die
Arlbergbahn auf weiten Teilen zerstört. Die Folge: Erneuter Umleiterverkehr durchs Allgäu.
Am Morgen des 29.August ging somit ein Traum in Erfüllung: Einmal einen umgeleiteten EuroNight auf der Allgäubahn zu erwischen. Zwei Zugpaare
wurden täglich umgeleitet, jedoch waren nur die am Morgen verkehrenden Züge aufzunehmen. Der erste fuhr wie gewöhnlich vor Plan im Dunkeln, während
D 414/EN 464 "Zürichsee" (Belgrad/Zagreb/Ljubljana/Villach - Zürich) in den ersten Sonnenstrahlen des Tages um genau 7.20 Uhr bei Zwiesele an den Fotografen vorbeizog. Zuglok 234 551 hatte eine bunt
gemischte Wagengarnitur am Haken, die aus österreichischen sowie osteuropäischen Schlaf-, Liege- und Sitzwagen bestand.
Was tun, wenn man so früh aufgestanden ist? Am besten den Standort wechseln, um TC 45181 aufzunehmen, der Lindau-Reutin um planmäßig 7.22 Uhr in Richtung München verließ.
Tatsächlich fuhr der Zug aber meist mehrere Stunden nach Plan. So geschehen auch am 29.August, als er um 09.49 Uhr Hergatz erreichte.
Nur ein Güterzugpaar der Relation Zürich-Hall in Tirol wurde in der Anfangszeit via Memmingen umgeleitet, da auch die Verbindung Bregenz-Bludenz unterbrochen war. Wer mehrere Aufnahmen erzielen wollte, musste die Jagd
nach dem Zug aufnehmen. Das suedbahn-online-Team startete eine Verfolgungsfahrt quer durchs Allgäu. Und schon auf der Brücke über die A96 bei Dürren
ward der Zug wieder eingeholt.
Über Autobahn und Landstraßen gings in flotter Fahrt nach Reipertshofen, wo der Zug ein weiteres Mal abgepasst wurde.
An Memmingen vorbei, mit kurzem Aufenthalt bei einem bekannten Schnellrestaurant, gab der Renault 19 alles, um bei Türkheim diese Aufnahme zu ermöglichen:
Nach der Mittagspause konnte schließlich der Gegenzug TC 45186 fotografiert werden. Im Bahnhof Stetten lassen sich noch die alten Formsignale finden.
Der Bahnübergang in Oflings bietet immer wieder ein nettes Motiv.
Die Hochwasser-Umleiter nutzten den Weg über Kempten nur zeitweise. Umso seltener sind daher Fotos von TC 43182, der im September fünf Mal pro Woche durch das
Oberallgäu schepperte. Diese Aufnahme entstand bei Harbatshofen mit extremem Wetterglück und kurz bevor die Schatten das Gleis erreichten. Beide 232 trugen die recht
seltene Cargo-Beschriftung, doch das war in der grenzenlosen Freude eher Nebensache.
232 459 hat in Kißlegg lange stehen müssen, bis eine freie Trasse nach Hergatz zur Verfügung stand. Wegen Bauarbeiten
bestand in Wangen keine Kreuzungsmöglichkeit. So wurde es kurz nach 18 Uhr, bis der Zug in herbstlich angehauchter Atmosphäre weiter
Richtung Lindau fahren durfte.
Am nächsten Tag stand ein weiterer Anlauf auf dem Programm. Dieses Mal sollte TC 45181 bei der Ausfahrt aus Hergatz aufgenommen werden. Diese Stelle zeigt deutlich wie der Zug die zweigleisige Strecke verlässt, um sie erst in Buchloe wieder zu erreichen. Einen Güterzug an dieser Stelle zu erleben, das war lange Zeit eher Wunschtraum als Realität gewesen.
Die mitgeschleppte E-Lok der ÖBB-Baureihe 1044 verlieh der Szene noch den nötigen Feinschliff.
Als ob die Arlbergsperre nicht schon genügend Schwierigkeiten macht: Einige Tage im Oktober fuhren die ohnehin schon verspäteten EN erst am späten Vormittag. Wegen Bauarbeiten auf der
Tauernbahn mussten die Züge abermals umgeleitet werden. Hinzu kam, dass zwischen Kempten und Immenstadt nur ein Gleis befahren werden konnte (dort fanden ebenfalls
Bauarbeiten statt). So konnte der aus österreichischen, kroatischen und slowenischen Wagen bestehende D 414/EN 464 "Zürichsee" im schönsten Morgenlicht auf der Brücke bei Maria Thann fotografiert werden.
Sechs Wagen - sechs Farben: Wann hat die Allgäubahn zuletzt so bunte Züge gesehen? Auch die Wagenläufe sind mehr als kurios:
Villach-Feldkirch, Villach-Zürich, Zagreb-Zürich, Belgrad-Zürich und sogar Ljubljana-Sargans.
Im Blockabstand folgte EN 246 "West Kurier" Wien Westbahnhof - Bregenz/Feldkirch, der auch die Autotransportwagen des vorausgefahrenen EN 464 mitbrachte. Aufgenommen bei Schlachters.
Zurück zum Güterverkehr: Auch Lokomotiven der remotorisierten Baureihe 233 kamen manchmal zum Einsatz. So geschehen am
Samstag, 15.10.2005, als 233 040 mit TC 43180 gerade den ehemaligen Bahnhof Unterzeil hinter sich gelassen hat.
Bei aller Freude über die Güterzüge im Allgäu soll die Südbahn
nicht ganz vergessen werden. Denn zeitweise trug sie die Hauptlast des Umleiterverkehrs nach dem Hochwasser. Tagtäglich fuhren zahlreiche Züge nach Österreich und in die Schweiz.
Beispielsweise zog 232 416 am 8.September einen gemischten Güterzug in Richtung Bodensee. Soeben hat der Zug Aulendorf verlassen.
An manchen Tagen fuhren die Güterzüge in kurzen Abständen hintereinander. So auch am Morgen des 16.09.2005, als 232 265 bei Mochenwangen den Anfang machte...
... dicht gefolgt vom Roßberger Kieszug, und von 232 265 mit ihrem bunt gemischten Umleiterzug:
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